17. September 2015 Big Data im Fußball: Von „Laptop-Trainern“ und Titelkämpfen, die zunehmend auf dem digitalen Spielfeld ausgefochten werden

Ohne Big Data wäre die deutsche Fußballnationalmannschaft 2014 vielleicht nicht Weltmeister geworden. Auch der FC Bayern hat das Potential erkannt und letztes Jahr eine Kooperation mit SAP aufgebaut, um von den digitalen Vorhersagen zu profitieren. Klubikone Mehmet Scholl schimpft derweil über „Laptop Trainer“: Die Digitalisierung macht auch vor König Fußball nicht Halt. Die neuen Möglichkeiten sind beeindruckend, Datenschutz und rechtliche Probleme haben indes nur die Wenigsten im Auge.

Es gibt diese eine Geschichte, die besser verdeutlicht als jede andere, welche Macht Big Data besitzt und wie sehr die Technologie unser Leben in Zukunft beeinflussen wird. Ein Mädchen im Teenageralter erhält neuerdings Werbeangebote für Babyklamotten zugesandt, woraufhin sich der erboste Vater beim Händler beschwert. Seine Tochter soll schließlich nicht dazu ermutigt werden, noch auf der Highschool Mutter zu werden.

Wenig später dann die Trendwende: Mittlerweile verrät der Bauch des Sprösslings, dass die Tochter bereits schwanger war, als sie den Katalog erhalten hatte. Zufall war das jedoch nicht - im Gegenteil. Das Unternehmen wusste schlicht schon vor dem Vater von der Schwangerschaft und hat daraufhin personalisierte Angebote versendet. Kein Wunder, denn Firmen suchen mit Hilfe von Big Data gezielt nach Situationen, in denen das Leben von potentiellen Kunden einschneidende Veränderungen erfährt, um sie genau dann langfristig für sich zu gewinnen.

Bastian Schweinsteiger

„Die Kunst zu gewinnen“: Siege berechenbar machen

Amazon hat es auf die Spitze getrieben und schon ein Patent für eine Technologie angemeldet, die es erlauben soll, Waren zu versenden noch bevor der Kunde auf den „Bestellen-Button“ geklickt hat. Bei so viel Potential ist offensichtlich, dass neben den Wirtschaftsgranden auch der Sport von Big Data profitieren will. Der Film „Moneyball – die Kunst zu gewinnen“ veranschaulicht auf beeindruckende Art und Weise wie Statistiken den Sport berechenbar machen können.

Der Streifen basiert auf einer realen Begebenheit von 2002 und zeigt, wie ein US-Baseball-Team Spieler ausschließlich auf Grundlage statistischer Werte auswählt und auf diese Weise eine Siegesserie für die Geschichtsbücher hinlegt.

Moderne Technologie trifft auf Tradition

Naturgemäß haben es Innovationen im traditionsreichen Fußball ungleich schwerer, zumal wenn sie technologischer Natur sind. Man denke nur daran, wie lange es gedauert hat, bis sich die Torlinientechnik endlich in der Bundesliga durchgesetzt hat. Dennoch ist Fußball eben vor allem ein Milliardengeschäft, das zu einem enormen Teil durch Zufall beeinflusst wird. Große Vereine und Verbände sind naturgemäß bestrebt eben nichts dem Zufall zu überlasen und den eigenen Erfolg so stark zu steuern wie möglich. Da kann es kaum verwundern, dass Big Data auch im Fußball immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Das beste Beispiel hierfür ist vermutlich der lange herbeigesehnte Weltmeistertitel der deutschen Mannschaft 2014 in Brasilien. Schließlich hat SAP den DFB im Vorfeld der WM erstmals mit einer Vorab-Version seiner Big-Data-Analyse-Software „Match Insights“ versorgt. Angereichert mit riesigen Datenmengen über die Leistungsdaten aller teilnehmenden Mannschaften konnten Trainerstab und Spieler des DFB ganz einfach Spielsituationen auf dem Tablet simulieren und die typische Verhaltensweise des Gegners so vorhersehbar machen. In Sachen Spielvorbereitung und Taktik lieferte das Programm wertvolle Erkenntnisse. So lautete eine Zielsetzung vor dem Turnier: schnelleres Passspiel realisieren, das könnte der Schlüssel zum Erfolg sein. Mit Match Insights gelang es im Turnierverlauf den durchschnittlichen Ballbesitz der Spieler vor der Ballabgabe von 3,4 auf 1,1 Sekunden zu reduzieren. Finalgegner Argentinien hat übrigens ebenfalls auf eine Big-Data Plattform gesetzt.

Scholl Interview

Der gläserne Spieler – Fluch oder Segen?

Wenn es ein effektives Mittel gibt, um die eigenen Erfolgsaussichten zu verbessern, dann ruft das natürlich sofort den FC Bayern auf den Plan. Tatsächlich hat der Rekordmeister nach dem Erfolg der Nationalmannschaft bei der WM seinerseits eine Kooperation mit SAP ins Leben gerufen, um eine eigene Big-Data-Plattform aufzubauen.

In dieser Kategorie war der regelmäßige Ligaprimus allerdings ausnahmsweise nur die Nummer Zwei unter den Bundesligisten: Die TSG Hoffenheim hat schon zuvor ein vergleichbares Projekt gestartet. Kein Wunder, schließlich ist Klub Mäzen Dietmar Hopp einer der Gründer des Software-Riesen.

Bayerns Klubikone Mehmet Scholl dürften sich bei dieser Form der Digitalisierung des Fußballs indes die „Nackenhaare aufstellen“. Immerhin hat der heutige TV-Experte mit Trainerschein doch kürzlich die neue Generation der „Laptop-Trainer“ kritisiert. Zwar zielte der Europameister von 96 damit in erster Linie auf deren Taktikversessenheit ab. Trotzdem kann man getrost davon ausgehen, dass moderne Analysemethoden, die das Bauchgefühl der Trainer teilweise ersetzen, ihm ebenfalls suspekt sein dürften.

Neuland in Sachen Datenschutz

Scholl ist dabei bei weitem nicht der einzige, dem es so geht: Datenschützer sehen einen Verstoß gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung der Spieler. Deshalb hält zum Beispiel die Landesdatenschutzbeauftragte von Bremen die derzeitige Praxis bei Hoffenheim oder Bayern für datenschutzrechtlich kritisch. Sogar bei einer Einwilligung der Spieler, dass ihre Daten erhoben und verwendet werden dürfen, bleibt sie skeptisch.  

Will man diese Problematik adäquat abbilden, muss man klar zwischen zwei Szenarien unterscheiden. Einerseits fallen Leistungsdaten an, die während offiziellen Spielen entstehen. Der aus Vereinssicht weitaus interessantere und wertvollere Teil der Daten kommt aber auf dem Trainingsgelände zustande. Deren Nutzen ergibt sich einerseits aus der größeren Menge an Daten, die logischerweise während einer Trainingswoche zusammen kommen.

Außerdem dürfen die Spieler im Gegensatz zum Ligabetrieb mit Wearables, beispielsweise Chips im Schuh, ausgestattet werden. Das ermöglicht weitaus detailliertere Daten, vor allem aber die Kombination der rohen Leistungsdaten mit Körperfunktionswerten und anderen Variablen. Hier verbirgt sich immenses Potential, zum Beispiel wenn es um Themen wie Verletzungsprophylaxe geht. Denn eine der großen Stärken von Big Data liegt eben darin, Zusammenhänge zwischen Daten herzustellen und zu erkennen, die auf dem Papier nichts miteinander zu tun haben. So ließe sich beispielsweise herausfinden, ob die Leistung einzelner Spieler von den Wetterverhältnissen oder ihrer Ernährung abhängt.

Fußball Nationalmannschaft WM

Die Weichen in Richtung Zukunft stellen: Wem gehören die Daten?

Wie auch immer sich die datenschutzrechtliche Situation in Zukunft entwickelt, es ist unwahrscheinlich, dass die Fußballklubs in Deutschland auf die Vorteile von Big Data verzichten werden. Vielmehr werden nach und nach wohl immer mehr Vereine in die Technologie investieren. Was in der normalen Arbeitswelt völlig unrealistisch und erschreckend erscheint, dürfte im Spitzenfußball zur Realität werden: Die komplette  „Überwachung“ der Leistung der Angestellten bis ins Kleinste.

Deshalb müssen klare rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Zum Beispiel die Frage: Wem gehören eigentlich die riesigen Datenmengen, wenn ein Spieler an einen anderen Verein verkauft wird? Dem Spieler selbst, dem abgebenden Verein, oder sogar dem neuen Arbeitgeber? Solche Fragestellungen müssen beantwortet werden. Karlheinz Rummenigge wusste bei der Präsentation zur Kooperation mit SAP darauf noch keine Antwort.

Sicher ist auf jeden Fall: Bei immensen Datenmengen, die bei Big Data Analysen anfallen, müssen die Vereine in ihre digitale Datensicherheit investieren. Schließlich werden sie immer mehr zu lohnenswerten Zielen für Hacker. Denn im Milliardengeschäft Fußball sind interne Informationen über den Fitnessstand oder bestimmte Schwächen einzelner Spieler nicht nur für konkurrierende Vereine interessant.

Bilderquelle: Wikipedia

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